Geschlechterforschung / Gender Studies
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

28.3.2012

Stephanie Müller (München) - Do it yourself - Do it together

Am Mittwoch, den 28. März 2012 stellt der Gender Salon „Do It Yourself” (DIY) auf den Prüfstand. Die Münchner Sozialwissenschaftlerin und Textilkünstlerin Stephanie Müller führt in verschiedene „DIY“-Strategien und deren kulturindustrielle Vereinnahmung ein. Anschließend lädt sie in einer Textil-Sound-Performance zum „Do It Together“ ein. 

„Do It Yourself“ soweit das Auge reicht: In Crafting-Blogs, Magazinen und radikalen Nähzirkeln, aber längst auch im Zuge betrieblicher Rationalisierungsmaßnahmen und in der staatlichen Ermunterung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. „Heim- und Netzwerkerei stehlen dir deine schöne Zeit“, singt die Hamburger Diskurs-Band Tocotronic auf ihrem aktuellen Album. Das Lied trägt den Titel „Macht es nicht selbst“, ein Song der gegen Eigeninitiative als Selbstausbeutung wettert: „Wer zu viel selber macht, der macht sich krumm, ausgenommen Selbstauslöschung“, heißt es weiter. Was bleibt also heute noch vom emanzipatorischen  Potential der Unabhängigkeitsideologie?

Auf jeden Fall ein ambivalentes Bild. Denn „Do It Yourself“ wird neben der positiv besetzten Selbstermächtigung immer mehr auch als ökonomische Eigeninitiative betrachtet. Diese kleinunternehmerische Gründungsidee zielt darauf ab, möglichst selbstbestimmt, einzigartige Produkte an die Kundschaft zu bringen. Holm Friebe sieht im Trend zum Selbermachen revolutionäres Potential. Online-Marktplätzen wie Etsy.com komme dabei eine zentrale Funktion zu: Hier gehe „es nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen, sondern darum, gegenökonomische Geschäftsmodelle zu installieren und sie tragfähig zu machen.“ (Friebe 2011: 81) Wer Hand- und Selbstgemachtes vertreibt, könne sich von der rigiden Arbeitsorganisation der Industrie-Ära los machen und in neue, selbstbestimmte Arbeitsformen aufbrechen, so Friebe weiter. (Friebe 2011: 82)

Sonja Eismann und Elke Zobl sehen gerade in Friebes Marke Eigenbau ein kritisches „Spannungsverhältnis aus radikaler Selbstorganisation und neoliberaler Selbstverwertung bzw. -ausbeutung.“ (Eismann u.a. 2011: 192) Denn die Produkte, die auf Etsy.com oder DaWanda.com erhältlich sind, werden dort in der Regel zu einem in keinem Verhältnis zum Preis stehenden Aufwand verkauft. Zeit für Solidarisierung und gemeinschaftlichen Widerstand gegen selbstausbeuterische Strukturen bleibt dabei kaum.

Bei aller Kritik an der neuen Lust am Selbermachen bleibt die Idee der Selbstermächtigung, Selbstorganisation und Improvisation zweifellos emanzipatorisch. Vor allem jene Projekte, die im Sinne eines „Do It Together“ kollektiv agieren und an der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Raum agieren, zeigen neue Interaktionsstrategien auf.

Literatur

Eismann, Sonja (u.a.) (2011): Radical Crafting. DIY-Aktivismus & Gender Politiken. Einleitung, in: Critical Crafting Circle (Hg.) (2011): Craftista! Handarbeit als Aktivismus, Mainz: Ventil Verlag, 188-197.

Friebe, Holm (2011): Marke Eigenbau – Die wertvollste Marke der Welt, in: Museumsstiftung Post und Telekommunikation (Hg.) (2011): Do It Yourself: Die Mitmach-Revolution, Mainz: Ventil Verlag, 80-85.


Stephanie Müller

Ausrangierte Kleidung und Materialien wie Bandagen, zerrissene Kassettenbänder oder Gitarrenplektren werden bei Stephanie Müllers Label rag*treasure zu tragbaren Unikaten.

Beim Musikprojekt beißpony kommt ihre Nähmaschine neben Schlagzeug, E-Piano, Gesang, Schreibmaschine, Spielzeugorchester und sprechendem Rock auch mit gebrochener Nadel zum Einsatz. In Ausstellungsaktionen, Lehraufträgen, Workshopprojekten und Fachaufsätzen setzt sich die Münchner Sozialwissenschaftlerin und Textilkünstlerin kritisch mit Mode und Handarbeit auseinander und erforscht künstlerisch-subversive Strategien an der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Raum.  

www.flachware.de/stephanie-mueller