Geschlechterforschung / Gender Studies
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Praxis der Kritik - Praxis der Subversionen (Dr. Jasmin Siri)

Hauptseminar

Di 10-12, Raum 109

„Seitdem die alte Bürgerklasse abgedankt hat, führt beides sein Nachleben im Geist der Intellektuellen, die die letzten Feinde der Bürger sind und die letzten Bürger zugleich. Indem sie überhaupt noch denken gegenüber der nackten Reproduktion des Daseins sich gestatten, verhalten sie sich als Privilegierte; indem sie es beim Denken belassen, deklarieren sie die Nichtigkeit ihres Privilegs. Die private Existenz, die sich sehnt, der menschenwürdigen ähnlich zu sehen, verrät diese zugleich, indem die Ähnlichkeit der allgemeinen Verwirklichung entzogen wird, die doch mehr als je zuvor der unabhängigen Besinnung bedarf. Es gibt aus der Verstricktheit keinen Ausweg.“ (Adorno 2003: 28f.) Mit diesen Zeilen postuliert Adorno das Ende der Unschuld der Intellektuellen und ihrer Kritik an den Verhältnissen. Es sei nun nicht mehr möglich (überzeugt von der Qualität der eigenen Motive) aus der Vogelperspektive auf die Gesellschaft zu schauen, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Wozu dann noch Kritik? Und wie kann Kritik nach dem Ende der guten Gesellschaft (Kieserling) überhaupt noch formuliert werden? Von wem kann sie formuliert werden? Wen adressiert Kritik, wenn sie ohne den Horizont eines zu adressierenden, bürgerlichen Lesepublikums (Habermas) auskommen muss?

Die Frage, ob und inwiefern gesellschaftstheoretische Beobachtungen der Welt kritisch sein können, müssen oder dürfen scheint am „Ende der kritischen Soziologie“ (Luhmann) zugunsten der Werturteilsfreiheit entschieden und das Verhältnis der Soziologie zur Kritik an ,den Verhältnissen’ prekär geworden zu sein. Und doch arbeiten unterschiedliche (de-)konstruktivistische Theorien mehr oder weniger explizit mit der Annahme, kritische und/oder subversive Praxis sei möglich und/oder beobachtbar. Anhand unterschiedlicher theoretischer Angebote (z.B. Adorno, Foucault, Lacan, Irigaray, Žižek, Luhmann, Butler, Laclau, Mouffe) und anhand unterschiedlicher empirischer Felder (Kunst, Protest, Politik, Wissenschaft) wird in diesem Seminar das Verhältnis von Kritik und Subversion in den Blick genommen.

Zur Vorbereitung:

Luhmann, Niklas (1991): Am Ende der kritischen Soziologie, in: Zeitschrift für Soziologie 20, S. 147-152. Adorno, Theodor W. (1953): Über Technik und Humanismus. In: Adorno, Theodor W. (1986): Vermischte Schriften I. Gesammelte Schriften Bd. 20.1. Hg. von R. Tidemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 310 – 317.
 Lessenich, Stephan (2009): Die „Mitte“ als Chiffre gesellschaftlicher Transformation, in: Widersprüche 29 (1), Heft 111, 2009, 19-28. Online abrufbar unter: http://www.stephan-lessenich.de/images/pdf/beitrag_widersprueche.pdf.