Geschlechterforschung / Gender Studies
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Hat die Wissenschaft ein Geschlecht? Historische, institutionelle, normative und empirische Dimensionen eines schwierigen Zusammenhangs (Prof. Dr. Paula-Irene Villa)

Prof. Dr. Paula-Irene Villa


Hauptseminar
2std., Mi 10-12 Uhr, R. 209 (Geschlechtersoziologie)

 

1903 veröffentlichte der Psychiater und Neurologe Paul Julius Möbius seine Schrift zum "physiologischen Schwachsinn des Weibes". Er wähnte sich dabei objektiv und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Und er argumentierte darin - wie viele, aber nicht alle seiner wissenschaftlichen Kollegen -, dass Frauen aufgrund ihrer 'natürlichen' Eigenschaften für das wissenschaftliche Studium und Arbeiten gänzlich ungeeignet seien. Seitdem hat sich offensichtlich vieles verändert: Frauen wurden nicht nur zum Studium zugelassen, sondern sind in der Alma Mater durchaus erfolgreich. Und dennoch: An der LMU z.B. studieren derzeit im Schnitt 62,6 % Frauen, doch ca. 90% der Professoren sind männlich. Hinter dem zwischen 8% und 12% changierenden Anteil von weiblichen Professorinnen an der LMU stecken allerdings geradezu astronomische Steigerungsraten, die sich auch auf bewusste politische Bemühungen zurückführen lassen. Doch: haben Quoten und Frauenförderung überhaupt etwas in der Wissenschaft zu suchen? Ist "wissenschaftliche Exzellenz" nicht genau das Gegenteil von Gleichstellungsbemühungen? Oder hat nicht auch die faktische Ausgestaltung von wissenschaftlicher Qualität eine 'hidden agenda', die Vergeschlechtlichungsprozesse beinhaltet? Kurzum: Wie wird Geschlecht (de)thematisiert in der wissenschaftlichen Praxis? Welche normativen Implikationen prägen die Universitäten als Organisation? Mit diesen und weiteren Fragen wird sich das Seminar auseinander setzen. Dabei sollen historische Konstellationen - wie z.B. die Debatte um die Zulassung von Frauen zum Studium im Deutschen Reich um 1900 - ebenso betrachtet werden wie empirische Studien, die sich z.B. mit der Frage befassen, "wie Professuren besetzt werden" (Färber 2008). Auch soll ein Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit der Soziologie liegen, indem z.B. zentrale Kategorien des Faches - etwa Ungleichheit, Arbeit, Klasse, Familie - hinsichtlich ihrer womöglich verdeckten geschlechtlichen Dimension befragt werden. Damit soll auch die Frage diskutiert werden, wer wie wann die Geschlechterfrage in die Wissenschaft getragen hat? Vielleicht sind es letztlich doch die Gene, die - Quoten hin oder her - Frauen daran hindern, die wissenschaftliche Performance zu leisten, die wissenschaftliche Exzellenz verlangt. So sah es jedenfalls im 2005 der damalige Präsident der Universität Harvard. Und auch er meinte, lediglich eine objektive Tatsache im Lichte neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgesprochen zu haben.

Den zweiten Teil der Essayoptionen zum Seminar finden Sie hier.

Literatur: Ein Reader wird zu Beginn des Semesters erstellt.
Harding, Sandra (1994): Das Geschlecht des Wissens. Frauen denken die Wissenschaft neu. Frankfurt/M: Campus
Spellerberg, Annette (Hg.) (2005): Die Hälfte des Hörsaals. Frauen in Hochschule, Wissenschaft und Technik. Berlin: edition sigma
von Braun, Christina/ Stephan, Inge (Hg.) (2000): Gender Studien. Stuttgart: Metzler

Voraussetzungen: Interesse an und Grundkenntnisse in Geschlechtersoziologie. Online-Anmeldung!

Leistungsnachweis: Moderationen/Präsentationen, Essays und Rezension.